Die versunkene Glocke

Aus Sagenhaftes Ruhrgebiet

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Glockengiesser 1568

Ein Bauer aus (Recklinghausen-)Hillen erzählte: Im Loh, einem Gehölz bei Recklinghausen, durch welches die graute bek fließt, soll eine Glocke stecken, die aus dem Recklinghauser Turm dahin geflogen ist; an bestimmten Tagen, namentlich um Mittwinter, kann man sie dort unten läuten hören.

Anmerkung

Zum Loh (»Glockenfeld») siehe die Anmerkung zur vorangegangenen Sage. Mittwinter bezeichnet die Wintersonnenwende, also den 21. oder 22. Dezember. Von diesem Termin an werden die Tage (die Sonnenscheindauer) wieder länger.

In der Sage ist die Erinnerung an das sogenannte Glockenfeld erhalten. 1466 schenkte der Recklinghäuser Ratsherr Johann Tazeke der Stadt eine »Mauersaat Landes«, das heißt ein Stück Land, auf das man einen Malter (Hohlmaß) Getreidekörner säte und das am Loh gelegen war. Es wurde früher »Klockenmaldersede« (Glockenmaltersaat) genannt. Aus den Einkünften der Verpachtung sollte der Wächter auf dem Turm der St. Petruskirche bezahlt werden, damit er jeden Mittag um 12 Uhr mit der St. Johannes-Glocke läuten sollte zum Andenken an das bittere Leiden Christi. Vermutlich hat das Johannestal den Namen der Glocke erhalten. Diese alte Glocke schmolz wie die anderen beim großen Stadtbrand in Recklinghausen im Jahre 1500, wurde aber erneuert. Das Johannestal, ein Quertal im Lohwäldchen liegt 50 m östlich der Kreuzung Frankenweg / Annastr.

Der Glaube, dass der Teufel die »ungetauften« (nicht geweihten) Glocken raube und mit ihnen in einem der sogenannten Helleputte oder Hellpotts (Höllenschächte) verschwindet, dürfte einer der Gründe für die Entstehung dieser Sage sein. Die Helleputte sind rundliche Vertiefungen im Boden, deren Entstehung man sich nicht erklären konnte.

Dass die Glocke im Mittwinter aus der Erde heraustönt, ist vermutlich eine Erinnerung an den »Middewinter« mit den »zwölf heiligen Nächten«, in denen nach dem Glauben der Germanen das »wilde Heer« durch die Luft brauste. Diese Zeit, im Vest Recklinghausen auch die »Drütteinen« genannt, galt als eine besondere Zeit. De Drütteinen heißt die Dreizehnen, womit man die dreizehn Tage um die zwölf heiligen Nächte von Weihnachten bis Dreikönige am 6. Januar bezeichnete. Auch das »Langenachtspinnen«, bei dem man in der Nachbarschaft für gutes Essen und Trinken in fröhlicher Gesellschaft einen Teil der Flachsvorräte verarbeitete, war in die Tage um den Jahreswechsel, wie wir heute sagen, gelegt.

Diese Tage zwischen den Jahren waren in der vorindustriellen Zeit durch Arbeitsruhe und Beurlaubung des Gesindes (Mägde und Knechte) bestimmt. Es fanden Visiten statt, und an den langen Abenden wurde viel erzählt, auch Gruselgeschichten. Vielleicht hat auch dieses dazu beigetragen, dass die Zeit als nicht geheuer galt.

Dieser Tage bemächtigten sich die Luftgeister, die zu Dämonen degradierten heidnischen Götter, die schon in frühchristlicher Zeit mit dem Teufel identifiziert wurden. In den Zwölfnächten schickte der Teufel die Seinen aus. »Wenn der Himmel sich verdunkelt, wenn der Sturmwind über die Erde heult, dann erhebt sich in den Lüften ein wildes Heer, angeführt von Wotan braust es als wilde Jagd durch die Luft. Um das Jahr 1000 n. Chr. führte Frau Holda (Holle), in Süddeutschland Frau Perchta, die unholden Geister an, eine Schar von teuflischen Spukgestalten. Selbst lebende Frauen erheben sich nachts und reiten auf Tieren über die Häuser der Menschen hinweg«, so erzählte man. Man muss Fenster und Türen schließen, ihnen Speisen, besonders Süßes, hinstellen und Lichter anzünden. An Kreuzwegen. wo sie sich versammeln, kann man die Geister und Hexen mit Licht abwehren.

Bei der Wettervorhersage an bestimmten »Lostagen“ sind auch die Zwölfnächte genannt. Jeder dieser Tage war einem Monat im neuen Jahr zugeordnet. Wie das Wetter an diesem Tag war, so sollte es auch im zugehörigen Monat werden.

Loh (WGS 84: 51.618383° 7.241067°)

Literaturnachweis

  • Kuhn, 121 (Mündlich von einem Bauern aus Recklinghausen-Hillen.); in Am. verwendete u. weiterführende Lit. : Kollmann, 170f.


Hier finden Sie: Loh, Recklinghausen-Hillen (51.618383° Breite, 7.241067° Länge)

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Dieser Text wurde folgendem Buch von Dirk Sondermann entnommen:

Emschersagen. Von der Mündung bis zur Quelle.
Bottrop: Henselowsky Boschmann Verlag, 2006
ISBN 3-922750-66-4.




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