Die Füße im Fegefeuer

Aus Sagenhaftes Ruhrgebiet

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Humor ist in den überlieferten Sagen nicht allzu oft anzutreffen. Eine Ausnahme bildet da die Geschichte, die von einem Pastor und einer etwas beschränkten Frau erzählt:

Ein Bauer aus Wardt bei Xanten, der zeitlebens an kalten Füßen gelitten hatte, erkrankte eines Tages und starb bald danach. Da machte der Pastor seinen Beileidsbesuch bei der Witwe und sagte zu ihr: »Fräuke, es ist doch traurig, dass euer Männeke gestorben ist und ihr jetzt so allein seid!« – »Ach«, sagte die Frau, »ich würde mich schon trösten, wenn ich bloß wüsste, wo er jetzt wäre.« Da erwiderte der Pastor: »Ihr braucht nur 50 Gulden zu opfern und ich sage euch in sechs Wochen, wo euer Männeke ist.« (Nach dem Glauben des Volkes am Niederrhein sieht der Geistliche beim Sechswochenamt, ob die Seele des Verstorbenen im Himmel, in der Hölle oder im Fegefeuer ist.) Als die Frau das hörte, holte sie eilends das Geld herbei und der Pastor ging zufrieden damit fort. Als die sechs Wochen nun um waren, hielt die Frau Tag für Tag nach dem Pastor Ausschau, so ungeduldig war sie; und als er sich endlich wieder blicken ließ, war ihr erstes Wort: »Minheer Pastor, wo steckt denn nun mein Männeke?« – »Liebes Fräuke«, sagte der Pastor, »das will ich euch sagen: Euer Männeke sitzt noch im Fegefeuer. Aber wollt ihr noch einmal 50 Gulden opfern, dann sehe ich zu, dass wir ihn in den Himmel bekommen. Er sitzt nur noch mit den Fütjes (Füßchen) im Fegefeuer.« – »Ach«, sagte da die Frau, »wenn es so ist, dann lasst mein Männeke ruhig sitzen und sich wärmen. Als er noch lebte, hatte er immer so kalte Fütjes!« 

Anmerkungen

Wardt ist ein Stadtteil Xantens. Das Sechswochenamt ist in der römisch-katholischen Kirche eine Eucharistiefeier (Heilige Messe), die sechs Wochen nach dem Tod oder der Beisetzung einer verstorbenen Person zu ihrem Gedenken gefeiert wird. Die Zeitspanne ist angelehnt an die Dauer der österlichen Bußzeit (Fastenzeit), die eine Zeit der Besinnung und der Zurückgezogenheit ist. Ihr folgt im Kirchenjahr die Osterzeit. Die Kirche feiert an Ostern, dass mit der Auferstehung Jesu der Tod ein für allemal überwunden ist. Das Sechswochenamt markiert (nach einer wenige Tage dauernden Phase des Schocks) das Ende der ersten Trauerphase für die Hinterbliebenen und verweist auf die christliche Hoffnung: dass die verstorbene Person im Frieden Gottes lebt. Grund für Trost und Zuversicht der hinterbliebenen Trauernden. Mit dem Jahresgedächtnis, das – ebenfalls als Messe – ein Jahr nach dem Tod begangen wird, ist das Trauerjahr zu Ende.«http://de.wikipedia.org/wiki/Sechswochenamt«

Literaturnachweis

  • Fritz Meyers, Die schönsten Sagen vom Niederrhein, 3. Aufl. 1988 Essen, S.113f.




Weitere Sagen aus Xanten.



Diese Sage ist in den bisher erschienen Werken von Dirk Sondermann nicht enthalten. Von ihm erschienen die Bücher Ruhrsagen, Emschersagen, Bochumer Sagenbuch, Wattenscheider Sagenbuch und Hattinger Sagenbuch. Weitere Publikationen sind in Vorbereitung. Bitte beachten Sie auch unsere Veranstaltungshinweise.


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